Aber mein Kopf reagiert nicht

Es ist irgendwann zwischen 1 und 2 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon, atme die klare kalte Luft ein. Meine innere Hitze und mein schneller Herzschlag verdrängen das Zittern meiner Unterlippe. Ich schaue in den dunklen Himmel, er ist genau so klar wie meine Gedanken – es sind nur Wolken zu sehen. Keine Sterne. Plötzlich fühle ich mich so allein und der Versuch gegen dieses unerträgliche Gefühl anzukämpfen endet mit Tränen. „Wenn man am höchsten fliegt, fällt man am tiefsten“ denke ich und stelle fest, wie wahr es ist. Vielleicht traue ich mich deswegen nie abzuheben.

Es ist schon komisch wie sich etwas von einer auf die andere Sekunde ändern kann. In das komplette Gegenteil, das man niemals erwartet hätte. Und genau deswegen tut es besonders weh. Ich dachte wirklich ich wäre immun gegen diesen Schmerz, weil doch gerade alles so gut war. Und immer wieder mache ich den Fehler, das zu denken. Denn genau dann trifft es mich besonders. Ich liege im Bett, Kopfhörer in den Ohren und Tränen auf dem Kopfkissen. Die Musik so laut, doch meine Gedanken übertönen kann sie trotzdem nicht. Meinen Herzschlag höre ich trotzdem. So laut und so schnell. Langsam habe ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Wieso bin ich nur so geschockt? Ich kenne das doch schon. Das alles ist mir nicht neu, hab es schon so oft durchdacht und so oft mitgemacht. Aber ich habe das Gefühl, dass es immer schlimmer wird. Und ich immer enttäuschter. Von mir selbst. Ich möchte gerade nicht mit dir reden und ich möchte auch nicht, dass du dich neben mich setzt. Alles was ich möchte, ist allein zu sein, auch wenn es das ist, was mich am meisten verletzt, ist es gleichzeitig das, was mir gerade am meisten zuspricht. Ich versuche das Gedankenkarrussell zu stoppen, meinen Herzschlag langsam wieder zu beruhigen – mit Tränen in den Augen schlafe ich ein. Mit der Hoffnung, dass es am nächsten Morgen schon wieder ganz anders aussehen wird und mit dem Wissen, dass es das nicht wird.

Ich glaube das schlimmste Gefühl beim Aufwachen ist dieser eine Moment, in dem noch alles ganz ruhig und friedlich erscheint. Wenn man gerade die Augen öffnet und noch nicht denkt. Und dann – kommt alles wieder zurück und der Schmerz ist genau so präsent wie am Vorabend. Man fühlt sich vielleicht nur weniger davon erschlagen, hofft noch dass es ein Traum war, weiß aber, dass es real ist. Nichts hat sich über Nacht geändert. Es tut immer noch weh und die Gedanken sind noch immer so kompliziert wie kurz vor dem Einschlafen. Aber das schlimme ist, dass man am Morgen nicht davor flüchten kann. Abends hat man die Chance in den Schlaf zu flüchten, in die Traumwelt. Für ein paar Stunden nicht nachzudenken. Aber morgens? Der ganze Tag steht bevor. Und alle die Gefühle lassen sich nicht verdrängen. Und dann hat man eigentlich gar keine Lust aufzustehen, in den Tag zu starten. Die Stimmung zu dunkel, der Tag zu hell. So etwas sollte man nur an einem grauen, verregneten Herbsttag fühlen, aber es ist Sommer. Das Sonnenlicht, das schwach durch das Fenster scheint versucht zu motivieren, fordert zum Aufstehen auf, zum Rausgehen. Aber mein Kopf reagiert nicht. Es ist nicht einfach da wieder rauszukommen, auch wenn man weiß, dass man es schaffen kann. Eigentlich ist es hier nämlich ganz schön. Die Traurigkeit rechtfertigt es, sich zu verkriechen.

Das war eigentlich meine Woche. Und jetzt liege ich hier seit Stunden wach und weiß nicht was ich tun soll. Es gibt nicht für alles eine Lösung, manche Gefühle tief in uns drin wollen einfach existieren ohne analysiert und bekämpft zu werden. Also drehe ich mich einfach auf die Seite, schließe die Augen und lasse den Schmerz existieren.

You may also like

4 Kommentare

  • S.Mirli
    9. Juni 2016 at 11:18

    Ab und zu ist Stille das beste Kommentar, weil ich gerade nicht wirklich weiß, was ich schreiben soll, vielleicht, dass ich das alles nur zu gut nachfühlen kann, dass ich genau diese Momente kenne und weiß, dass man gegen Gefühle nicht ankämpfen kann, dass man Traurigkeit auch zulassen muß und sich nicht dagegen wären, denn so abgetroschen es klingt, es kommen auch wieder andere Zeiten, aber das braucht nunmal seine Zeit und ab und zu ist umdrehen und die Augen schließen die beste Idee. Ich bin immer wieder so unglaublich beeindruckt, wie du mit Worten umgehen kannst und alleine durch deine Texte Gefühle erzeugen und dass ich mich das nächste Mal, wenn ich mich so fühle, nicht ganz alleine bin. Allerliebste Grüße und ich denk an dich, x S.Mirli (http://www.mirlime.com)

    • Alina
      Alina
      9. Juni 2016 at 18:51

      Du hast mir mit deinem Kommentar gerade den Tag versüßt – danke. <3 Das tust du jedes Mal aufs Neue 🙂

  • Alissa
    15. Juni 2016 at 20:45

    „Vielleicht traure ich mich deshalb nie abzuheben“ <3 Was für ein toller Text liebste Alina <3
    Ich hoffe, du hast eine wunderschöne Rest-Woche! ;*
    Alissa
    http://www.alissaloves.de

    • Alina
      Alina
      15. Juni 2016 at 22:57

      Vielen Dank Alissa, ich wünsche dir auch eine ganz tolle Rest-Woche! <3

LEAVE A COMMENT

About me

Alina

Alina

20. Bremen. Berlinliebe. Tagebuch. Schreiben. Wasser. Reisen. Meer. Pizza. Uni. Liebe. Chai Latte. Lesen. Gedanken. Fotos. Erinnerungen. Hier und jetzt.

Signature

Follow

Follow
Follow