Ihr macht mir keine Angst mehr

Ich sehe euch. Ich registriere eure Anwesenheit. Wenn ihr hinter mir steht, drehe ich mich automatisch um. Ich spüre, wenn ihr da seid. Steht ihr vor mir, schaue ich nicht mehr ängstlich weg. Ich sehe euch in die Augen. So lange, bis ihr mir keine Angst mehr macht. So lange, bis ich verstehe, dass ihr keine Macht habt. So lange, bis ihr ängstlich wegschaut.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann es anfing. Vielleicht vor einem halben Jahr. Vielleicht auch schon früher. Plötzlich sah ich mich im Spiegel, ohne mich zu erkennen. Da waren immer noch die blauen Augen, immer noch die roten Lippen, immer noch das nachdenkliche Mädchen. Aber etwas hatte sich geändert. Je mehr ich geliebt wurde, desto größer wurden meine Ängste, desto unsicherer wurde ich. Über Gefühle hatte ich keine Kontrolle. Ich wollte mich ständig ändern, verglich mich mit jeder zweiten Person. Ich wollte ich selbst sein, aber war so unfassbar verzweifelt, dass es nicht reichen würde. Hatte so eine Angst, zu verlieren. Dich zu verlieren. Aber letzten Endes verlor ich dadurch nur mich selbst.

Auf einmal dachte ich jede Sekunde über jede kleinste Kleinigkeit nach. Legte jedes deiner Wörter auf die Goldwaage, mit der Hoffnung, irgendwo einen Fehler zu finden. Nur damit sich meine Ängste bestätigt fühlten. Aber da war kein Fehler. Da war einfach nur Liebe. Und das konnte ich mir nicht vorstellen. Der einzige Fehler, den ich fand, war jener, der meine Gedanken kontrollierte, meine Ängste verstärkte, mein Handeln auf meine Zweifel ausrichtete.

Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, sich von seinen Ängsten beherrschen zu lassen und Fehler zu finden, wo keine sind, nur um die Kontrolle nicht abzugeben, dann ist es schwer, die Gedanken wieder in eine andere Richtung zu lenken.

Ich habe mich so lange auf so viel Negatives fokussiert. Warum, weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht, weil ich Angst hatte, dass das Positive zu schnell verschwindet? Vielleicht, weil ich Angst hatte zu tief zu fallen, wenn ich so hoch fliege?

Aber eins ist mir klar geworden: Die Angst vor dem Fall lässt mich nicht länger oder höher fliegen. Sie macht den Flug ungenießbar. Und nur, weil ich weiß, dass ich vielleicht falle, tut der Aufprall nicht weniger weh.

Ich habe mich so lange auf so viel Negatives fokussiert. Aber damit ist jetzt Schluss. Es bringt mir nichts, es bringt dir nichts. Ich will nicht stehen bleiben, nur weil ich befürchte, stolpern zu können. Und es kann passieren. Aber dann ist es eben so.

Ich bleibe nicht mehr auf diesem Fleck stehen. Ich fokussiere mich auf die Dinge, die ich erreichen möchte, auf mich selbst. Ich fokussiere mich nicht auf meine Unzufriedenheit, ich fokussiere mich nicht auf die Menschen, mit denen ich mich vergleiche.

Meine Ziele sind mein Fokus. Meine Augen blicken geradeaus an euch vorbei. Meine Lippen sprechen von den Dingen, die mir gefallen, die mich glücklich machen. Nicht von euch, nicht von meinen Ängsten.

Ich sehe euch. Ich registriere eure Anwesenheit. Wenn ihr hinter mir steht, drehe ich mich automatisch um. Ich spüre, wenn ihr da seid. Steht ihr vor mir, schaue ich nicht mehr ängstlich weg. Ich sehe euch in die Augen. So lange, bis ihr mir keine Angst mehr macht. So lange, bis ich verstehe, dass ihr keine Macht habt. So lange, bis ihr ängstlich wegschaut.

Und plötzlich schaue ich in den Spiegel, sehe mich und erkenne, wer da steht.

Ohne Zweifel, ohne Unsicherheit. Stärker, glücklicher.

Ich erkenne meinen Blick – auf das Positive, auf meine Ziele gerichtet.

Ich erkenne meinen Mund – lächelnd.

Ich erkenne meine Gedanken – optimistisch, noch immer chaotisch, aber lange nicht so zweifelnd und ängstlich wie zuvor.

Ich erkenne mein Herz – dich.

 

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Alina

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20. Bremen. Berlinliebe. Tagebuch. Schreiben. Wasser. Reisen. Meer. Pizza. Uni. Liebe. Chai Latte. Lesen. Gedanken. Fotos. Erinnerungen. Hier und jetzt.

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