…oder ich lasse euch los

Ich bin gelaufen. Ich habe andere eingeholt, überholt, zurückgelassen. Bin stehen geblieben, habe gewartet – zu lange. Die dritte Chance – und nochmal Anlauf nehmen. Wurde ausgebremst, weil ich mich ausbremsen habe lassen. Weil ich dachte, die anderen könnten dann besser laufen? Weil wir gemeinsam laufen? Aber sie rannten weg. Und immer wenn ich sie mit neuer Kraft einholte, wurden sie langsamer. Fühlten sich aufgehalten. Ob ich lief oder stehenblieb, ob ich rannte oder langsam ging – das Problem für sie war, dass ich überhaupt lief. Es war egal, ob sie als erstes die Ziellinie überquerten, aber sie wollten sie allein überqueren. Habe so lange gebraucht, um das zu erkennen, um das zu verstehen – auch wenn ich es nie verstehen werde. Und dann hatte ich Motivation. Um schneller zu rennen als ich es je zuvor getan habe. Um noch mehr zu geben. Und um nie wieder stehen zu bleiben, nie wieder anzuhalten, nie wieder zu warten. Weil es ihnen wirklich, komplett und ganz vollkommen egal war. Es war nur wichtig mich zu bremsen – mehr nicht. „Die hält doch nie durch“ – und als ich es doch tat, brach ich die Regeln. Eure Regeln.

Gott – wie lange habe ich das mitgemacht? Wie lange bin ich in eurem Tempo gegangen, nur damit ihr euch nicht zu langsam fühlt? Wie lange habe ich euch begleitet, nur damit ihr euch nicht einsam fühlt? Ich habe das gerne gemacht. Ich würde das immer wieder tun. Für Menschen, die mich nicht aufhalten wollen. „Los, geh! Du schaffst es – du hast es dir verdient!“ und ich bleibe stehen. Aber genau das habt ihr nie gesagt. Also laufe ich. Renne. Nicht rücksichtslos, aber zum ersten Mal fokussiert. Auf mich. Auf mich. Auf mich. Ihr seht keine Ziellinie und fragt, wohin ich laufe. Vielleicht einfach vor euch weg? Vielleicht liegt der große Abstand auch an eurem Tempo – nicht an meinem.

„Sei vernünftig, sei nicht egoistisch“ – ich lasse mir das nicht mehr einreden. Ich lasse mir nicht mehr einreden, egoistisch zu sein, wenn ich nicht mehr auf die Menschen warte, denen ich jahrelang hinterher rennen musste. Außer Atem. Alleine. Deine Augen können so gut lügen. Ich lasse mich nicht mehr von den Menschen bremsen, die mich aufhalten, nur weil sie nicht vorankommen. Ja – ich bin schneller geworden. Es war jahrelange Übung. Und ich bin stolz darauf. Entweder ihr lasst mich laufen oder ich lasse euch los.

 

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3 Kommentare

  • katy fox
    27. November 2016 at 17:05

    wow hab ich jz voll fesselnd gelesen – echt wahnsinnig tolle worte 🙂
    wie recht du hast echt 🙂
    glg katy

    http://www.lakatyfox.com

  • Flora Fallue
    28. November 2016 at 14:53

    Ein echt toller Text. Ich mag die „Marathon Metapher“ und ich finde es schön, dass du erkannt hast, dass es Menschen gibt, auf die es nicht zu warten lohnt oder anders wo es nichts bringt ihnen hinterher zu laufen. Eine wichtige Erkenntnis, die nicht jeder sieht.
    Ich wünsche dir noch viel Glück auf deiner Zielgeraden 🙂

    Liebst, Janine
    ww.florafallue.com

    • Alina
      Alina
      28. November 2016 at 16:05

      Oh vieelen Dank! <3

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20. Bremen. Berlinliebe. Tagebuch. Schreiben. Wasser. Reisen. Meer. Pizza. Uni. Liebe. Chai Latte. Lesen. Gedanken. Fotos. Erinnerungen. Hier und jetzt.

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