Du musst die Regeln kennen

Ich erinnere mich an damals. Wie ich lachend und zugleich weinend über den Schulflur ging. Lachend – über das Leben. Wie schön es doch ist. Weinend – wegen irgendeines Typen. Kopfhörer in den Ohren, meine beste Freundin an der Hand – diese Erinnerungen werde ich für immer lieben. Und ich werde immer und immer wieder an all diese Momente zurückdenken. Und immer wieder wird mir dabei eines ganz besonders bewusst: eigentlich bin ich das noch. Viele Eigenschaften habe ich nicht abgelegt, gehören zu mir. Aber im Inneren hat sich so unfassbar viel verändert. Ich bin nicht mehr das Mädchen von damals. Das Mädchen, dessen belastendster Gedanke ein gebrochenes Herz war. Und jetzt?

Ich habe schon immer viel nachgedacht. Mir den Kopf zerbrochen. Damals schien nichts komplizierter, als die Frage, warum er nicht antwortet oder die Matheklausur, die mir noch bevorstand. Heute weiß ich: das alles war nichts. Nichts im Vergleich zu jetzt.

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Die Dinge, die mich inzwischen belasten, in meinen Gedanken präsent sind und zu komplex, um je eine Lösung dafür zu finden, machen vieles schwerer. Komplizierter. Es kann anstrengend sein, sich über sowas den Kopf zu zerbrechen. Heute weiß ich mehr als damals, bin längst nicht mehr so naiv, aber eben auch ein großes Stück misstrauischer. Verschlossener. Nachdenklicher. Denn nichts belastet meine Welt so sehr wie die Welt, in der ich  lebe. Vielleicht habe ich eine Zeit lang die Augen davor verschlossen und vielleicht wäre es besser, wenn ich sie nie geöffnet hätte, weil so alles einfacher war, aber es war eine Lüge. Und mit einer Lüge glücklich zu sein, ist wie ein Kuss ohne Gefühle – ein leeres Versprechen. Es bringt nichts. Und die Augen zu öffnen, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, tut weh. Aber es tut auch so gut. Es tut gut zu wissen, dass man langsam aber sicher versteht, wie das hier funktioniert. Man findet Antworten, wo sich anderen nicht mal Fragen aufwerfen. Plötzlich hinterfragt man, plötzlich weiß man. Und plötzlich fällt es schwer, wirklich vom Herzen glücklich zu sein, weil man plötzlich begriffen hat, dass das alles hier ein großes Spiel ist. Und man kennt die Regeln, aber nur wer die Regeln nicht kennt, kann Spaß haben. Deswegen möchte sie niemand wissen. Und alle spielen ohne zu verstehen. Ohne zu hinterfragen. Und manchmal hasse ich es. Hasse die Spielfiguren, die 5,6,7 Felder weiterhüpfen ohne darüber nachzudenken, ohne zu wissen, nach welchen Regeln das abläuft. Einfach hüpfen. Einfach nicht denken. Einfach anpassen.

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Wer sich anpasst, hat es leichter. Unkompliziert. Und wer nicht versucht die Welt zu verstehen oder gar nicht erst weiß, dass es da etwas zu verstehen gibt, ist glücklicher. Denn am traurigsten sind die Menschen, die dieses Spiel hier verstehen. Diesen Machtkampf. Diese Oberfächlichkeit.

Es gab eine Zeit, da habe ich auch nicht darüber nachgedacht. Auch nicht gesehen, dass es da etwas zu hinterfragen gibt. Und ja, so war es leichter – und ich glücklicher. Und obwohl meine Gedanken von heute mich bedrücken, habe ich mich noch nie befreiter gefühlt. Es tut gut, glücklich zu sein. Aber noch besser fühlt es sich an, zu erkennen, dass man unglücklich sein darf. Dass es einen Grund dafür gibt. Und egal wie viel leichter damals alles schien – ich möchte niemals zurück und das Mädchen mit diesen Gedanken von damals sein. Ich möchte nie wieder so unwissend sein. Auch wenn die Folge davon ist, dass man vielleicht nie wieder so glücklich sein kann wie damals, als man von all dem noch nichts wusste. Aber das nehme ich in Kauf. Denn es ist gerechtfertigt. Es hat Sinn, nachdenklich zu sein. Es hat Sinn, sich den Kopf zu zerbrechen. Es hat Sinn, zu verzweifeln. Denn das bedeutet, dass man versteht. Und nicht einfach die Augen vor etwas so offensichtlichem verschließt. Und das wollen doch alle: Sinn. Alle sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Und alle glauben, ihn gefunden zu haben, ihn zu kennen. Hüpfen von Feld zu Feld. 5,6,7. Spielen das Spiel mit – ohne die Regeln zu kennen.

Der Sinn im Leben liegt darin, die Regeln zu verstehen und trotzdem glücklich zu sein. Alles andere – ist eine Lüge.

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15 Kommentare

  • Katta
    12. August 2016 at 13:00

    Sehr schön <3

    • Alina
      Alina
      12. August 2016 at 13:08

      Danke!

  • Nicca
    12. August 2016 at 19:14

    Hey,
    sehr schön geschrieben – vor allem der letzte Satz geht mir sehr ans Herz! <3
    glg, Nicca von kosmeticca.blogspot.com

    • Alina
      Alina
      13. August 2016 at 17:28

      Vielen Dank 🙂

  • Dani
    12. August 2016 at 22:24

    Wunderschöner Post ♥
    #Hab einen schönen Abend.

    LG Dani

    http://www.daninanaa.com

    • Alina
      Alina
      13. August 2016 at 17:28

      Danke! <3

  • Jovana Mikicic
    13. August 2016 at 19:10

    So schöne Bilder, du hast so tolle Augen <3

    Love,
    » Jovana from 4pologize.com «

    • Alina
      Alina
      13. August 2016 at 19:36

      Dankeschön :))

  • Leni
    14. August 2016 at 18:14

    Hi Alina! Richtig schön geschrieben! Ich habe mich in vielen Worten wiedergefunden! Es ist echt lustig, wenn man überlegt, was der „Weltuntergang“ in der Schulzeit war und was jetzt! 🙂 Leider gibt es kein Pauschalrezept und keine Regeln zum Glücklichsein, aber Gott sei Dank hat es jeder von uns in der Hand, das beste aus seinem Leben zu machen! <3
    Liebe Grüße, Leni
    http://theblondejourney.com/

    • Alina
      Alina
      14. August 2016 at 23:43

      Danke 🙂 Ja, das stimmt! Liebe Grüße <3

  • Nilishi
    15. August 2016 at 10:58

    Ich kann deine Gedanken sehr nachvollziehen. Ich denke auch sehr viel über unsere Welt nach und habe das Gefühl, dass ich nicht vollkommen glücklich sein kann, wenn es doch noch so viele Probleme zu lösen gibt.

    Liebe Grüße,
    Nili von Mindbroken.de

  • S.Mirli
    16. August 2016 at 11:44

    immer wieder bekomme ich gesagt, dass ich zu viel denke, ich hab nie verstanden, was diejenigen damit meinen, ich finde man kann nicht zu viel denken, ich glaube zwar ohne das „über alles Gedanken machen“ hätte ich es im Leben sehr viel einfacher, aber ich will das gar nicht. Ich habe auch gelernt mich meinen Gefühlen hinzugeben, man kann nicht jeden Tag gut drauf sein, man darf auch einmal unglücklich sein und soll nicht dagegen ankämpfen, denn jedes Gefühl hat seine Berechtigung. Das Leben ist schön, vielleicht können wir es nicht jeden Tag sehn, aber wir können lernen es zu sehn. Ich liiiiebe deine Texte, die mich jedesmal immer wieder inspirieren und zum Nachdenken anregen und das war wieder so ein richtiger „Alina-Text“ wie ich ihn liebe. Ich drück dich ganz fest und schick dir gaaanz liebe Grüße, hör bitte nie auf zu denken und dir den Kopf zu zerbrechen, das macht dich zu etwas Besonderem. Alles Liebe, x S.Mirli (http://www.mirlime.com)

    • Alina
      Alina
      16. August 2016 at 14:07

      „Wieder so ein richtiger Alina-Text“ – oh Mirli, du hast mir mit deinem Kommentar echt soo ein Lächeln ins Gesicht gezaubert! DANKE ♥ Das ist echt ein tolles Kompliment.

  • Miriam
    23. August 2016 at 10:52

    Ein wirklich gut geschriebener Text! Und du hast so verdammt Recht damit, was du da schreibst.

    Liebe Grüße

    Miriam 🙂

    • Alina
      Alina
      28. August 2016 at 18:32

      Vieelen lieben Dank Miriam!

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20. Bremen. Berlinliebe. Tagebuch. Schreiben. Wasser. Reisen. Meer. Pizza. Uni. Liebe. Chai Latte. Lesen. Gedanken. Fotos. Erinnerungen. Hier und jetzt.

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